Saison 2005/2006
Öffnen
Powered by Spearhead Software Labs Joomla Facebook Like Button

Fans singen FC zum Sieg

Das Spiel war lange abgepfiffen, Poldi seine ganz persönliche Ehrenrunde allein durchs Stadion gelaufen und die meisten Medienvertreter waren abgezogen, da öffnete sich in den Katakomben des RheinEnergieStadions unvermittelt eine Tür und ein halbnackter Denis Epstein tauchte auf. In den Händen seine Fußballschuhe und einen Plastikbecher mit einem Gebräu aus Cola und Bier. Er kam gerade von der Dopingprobe, die bei ihm offensichtlich etwas länger gedauert und Spuren hinterlassen hatte. Epstein mimte den Betrunkenen, der torkelnden Schritts versucht, die Tür zur FC-Kabine zu finden. Die Freude über den versöhnlichen Saisonabschluss eines ansonsten verkorksten Spieljahres ließ sich der 19-jährige gebürtige Zollstocker nicht nehmen. Für ihn persönlich war es ein gutes erstes Profijahr.
 

Lukas Podolski nach seiner Ehrenrunde mit etlichen FC-Schals.

 Auf Typen wie Epstein, wie der erneut sehr agile 22-jährige Patrick Helmes oder der weitgehend souveräne Lukas Sinkiewicz (20) baut der 1. FC Köln in der bevorstehenden Zweitliga-Saison, dem Jahr 1 nach Lukas Podolski. Denn dass das FC-Idol den Verein Richtung München verlassen wird, dürfte aller verbalen Ausflüchte der Vereinsführung zum Trotz beschlossene Sache sein. Es geht ums liebe Geld. Ob sich dafür allerdings auch nur ansatzweise gleichwertiger Ersatz finden lässt, bleibt zu bezweifeln.
 

Mimte nach der Dopingkontrolle den Betrunkenen: Denis Epstein.
 
Denn Lukas Podolski machte in seiner Abschiedsvorstellung beim 4:2-Sieg gegen Arminia Bielefeld den Unterschied aus. Extraklasse erneut seine beiden Tore, herausragend sein läuferisches Engagement und sein Einsatz. Er hatte sich offenbar viel für vorgenommen, wollte bei den Fans einen unauslöschlichen positiven Eindruck hinterlassen. Und die 49.000 Zuschauer feierten ihn noch lange nach Spielende und bombardierten ihn mit Geschenken. Das war ein sehr emotionaler Moment für mich“, gestand Poldi hinterher. Die elf Jahre, die ich seit der D-Jugend beim FC verbracht habe, gehen ja nicht spurlos an mir vorbei. Aber ich habe gesagt, dass ich in Zukunft für die Bayern spielen möchte und hoffe, dass die Vereine sich einigen.“
 

Nationalspieler Lukas Sinkiewicz bleibt auch in der 2. Liga.
 
Überhaupt war es die Zeit des Abschiednehmens, wobei Podolski gar nicht zu den Kickern gehörte, die offiziell verabschiedet wurden: Albert Streit, Christian Springer, Sebastian Schindzielorz, Andrew Sinkala, Boris Zivkovic, Marco Streller und wer sich noch alles dazu gesellt.
 

Marco Streller war gerne in Köln und traurig über den Abstieg.
 
Unsicher ist die Zukunft von Markus Feulner, der bleiben möchte und nächste Woche weiterverhandelt. Gleiches gilt für Alpay. Matthias Scherz, der wieder traf, damit insgesamt neun Tore schoss und damit so oft knipste wie nie zuvor in seiner Bundesliga-Historie, würde wohl auch gerne bleiben. Ich habe keinen Blumenstrauß bekommen“, lachte der immerhin schon 34 Lenze zählende Routinier, es gibt noch ein Gespräch.“
 

Markus Feulner verhandelt nächste Woche mit dem FC.
 
Klar ist also, dass es einen großen personellen Umbruch geben wird und die FC-Macher alles versuchen, um eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu stellen, die weiterhin von Hanspeter Latour betreut wird. Der Trainer freute sich insbesondere darüber, dass die Mannschaft mit Ausnahme des Bremen-Debakels in diesem halben Jahr unter seiner Verantwortung konkurrenzfähig“ war und in der Rückrundentabelle nicht auf einem Abstiegsplatz rangierte.
 

Würde gerne bleiben: Matthias Scherz.
 
Sensationell waren wieder einmal die Fans, die in der 80. Spielminute beim Stand von 2:2 stimmgewaltig die FC-Hymne intonierten und die Mannschaft dadurch quasi zum Sieg trieben. Das war ein Gänsehauterlebnis“, meinte Matthias Scherz anschließend. Solche Fans habe ich noch nie erlebt“, pflichtete Marco Streller bei. Sie haben uns zum Sieg gesungen“, bestätigte Hanspeter Latour. Ein ganz großes Kompliment an die Fans“, so Denis Epstein abschließend, müde, aber nüchtern. Mit diesen Fans und einer Mannschaft, mit der sich die Anhängerschaft identifizieren kann, sollte der Wiederaufstieg der Kölner Liftboys doch möglich sein. Der Brühler Bilderbogen bleibt auch dann am Ball.
 
Tobias Gonscherowski