Jahrgang 2005
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Man soll aus der Geschichte lernen können”
 
Wolfgang Drösser sieht sehr zufrieden aus. Vor uns auf dem Tisch liegt der Grund unseres Treffens. Ein 384 Seiten dickes Buch mit dem schlichten Titel Brühl, Geschichte, Bilder, Fakten, Zusammenhänge”. Es wiegt satte 1,4 Kilogramm, enthält 260 Fotos und wurde von Wolfgang Drösser nach jahrelanger akribischer Recherchearbeit geschrieben. Auch das Cover hat er gestaltet. Es ist in blau und gelb gehalten und zeigt eine 1673 erstmals gedruckte Abbildung Brühls. Viele Leute waren entsetzt über meinen Entwurf”, lacht Wolfgang Drösser. Aber ich fand, dass die Brühler Farben blau und gelb auf den Titel mussten. Das Cover hat den Charakter: Vorhang auf, die Geschichte Brühls beginnt.”
 

 
Also heben wir den Vorhang und berichten wir über die Entstehung eines Buches, von dem der Bürgermeister Michael Kreuzberg sagt, dass es in keinem Brühler Haushalt als Hand- und Lesebuch fehlen solle. Denn Wolfgang Drösser hat das Buch aus der Motivation heraus in Angriff genommen, damit pädagogische und erzieherische Aspekte zu verfolgen. Ich habe den Wunsch, dass mit dem Buch die Geschichte Brühls an kommende Generationen weiter gegeben wird”, erklärt der frühere Studienrat für Geschichte des Max-Ernst-Gymnasiums. Man soll – unter Vorbehalten – aus der Geschichte lernen können. Im Buch werden warnende Beispiele angeführt. Die Zeit der Hexenverfolgungen, die Zeit des Nationalsozialismus, die Brutalität von Kriegen. Ich habe bewusst auch Fotos ausgesucht, die unter die Haut gehen.”
 
Sich mit der Geschichte auseinander zu setzen, sie lebendig werden zu lassen, das gehörte schon immer zu den wichtigsten Anliegen von Wolfgang Drösser. Dazu animierte er als Lehrer über drei Jahrzehnte lang Schüler am Max-Ernst-Gymnasium in Brühl. Dabei setzte er verschiedene Akzente. Auf der einen Seite organisierte er seit 1979 noch zu Zeiten des Kalten Krieges Studienfahrten seiner Geschichtsleistungskurse nach Polen (mit Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers in Auschwitz), die einen wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen Polen und Deutschen darstellten. Auf der anderen Seite ermunterte er seine Schüler auch, sich intensiv mit der Historie Brühls zu beschäftigen. Eine Arbeit seiner Schüler über Die Freizeitgestaltung von Jugendlichen im 19. Jahrhundert” gewann in den siebziger Jahren den ersten Preis bei einem Wettbewerb (unter 4.000 eingereichten Arbeiten) des damaligen Bundespräsidenten Carl Carstens. Aufsehen erregte auch eine Untersuchung seiner Schüler zum Thema Zwangsarbeit in Brühl”.
 
Viele Veröffentlichungen über Brühl
 
Wolfgang Drösser hat aber auch selbst bereits seit vielen Jahren regelmäßig in den Brühler Heimatblättern” Beiträge veröffentlicht und sich einen Namen als Autor zahlreicher Abhandlungen u.a. über viele Brühler Kirchen, das Brühler Marienhospital oder die Geschichte des Max-Ernst-Gymnasiums gemacht. So kam für ihn das Angebot eines namhaften Kölner Verlags nicht überraschend, ein umfassendes Werk über die Geschichte Brühls zu verfassen. Er akzeptierte gerne, doch er merkte schon nach kurzer Zeit, dass der veranschlagte Rahmen von 200 Seiten den vielen Facetten Brühls nicht gerecht werden konnte. Als er keine Einigkeit mit dem Verleger erzielen konnte, stieg er aus seiner Vereinbarung wieder aus und beschloss das Buch in Eigenregie zu verwirklichen. Als Partner konnte er den Verlag der Brühler Buchhandlung Köhl gewinnen, vor allem in Person von Frau Brockmann. Doch der größte Teil des nicht unbeträchtlichen finanziellen Risikos blieb an ihm hängen. Vor Wolfgang Drösser lag eine große Herausforderung. Denn er hatte sich zum Ziel gesetzt, die Chronik Brühls im wahrsten Sinne des Wortes bei den Neandertalern zu beginnen. Diese Vor- und Frühgeschichte Brühls fehlte in den früheren Büchern über Brühl bisher völlig”, bemerkt der Autor. Viele spannende Kapitel behandeln diese Zeit, viele Graphiken, Tabellen und Fotografien verdeutlichen die Themen sehr anschaulich. Zahlreiche Exkurse” wie z.B. über Gräber an der Römerstraße, die Pingsdorfer Madonna, die Brühler Keramik oder später die Juden in Brühl oder Max Ernst lockern das gesamte Buch auf.
Erleichtert wurde Wolfgang Drösser die Arbeit durch einige Publikationen über Brühl, die in der Vergangenheit von Historikern und Heimatforschern wie den Herren Dominick (1880), Dr. Mertens (1907), Dr. Greven (1921), Jakob Sonntag (1976), Günter Krüger (1985), Fritz Wündisch (1987) oder Wilhelm Prasuhn (1980ff.) veröffentlicht wurden. Doch trotz dieser großartigen Vorarbeit forschte Wolfgang Drösser selbst in den bedeutenden Archiven in Köln und Düsseldorf, in Koblenz und München und selbstverständlich auch in Brühl. Ihm ging es um Fakten. Deshalb verzichtet er auch darauf, Interviews mit Zeitzeugen zu führen. So konnte ich zweifelsfrei zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden”, begründet der in Brühl lebende verheiratete Familienvater zweier erwachsener Töchter.
 
Urkunden schwer zu entziffern
 
Diese Forschungen haben etwas von Detektivarbeit. Denn in den meisten Archiven gibt es keine Register, wie wir sie heute kennen. Man muss nach Hinweisen über Brühl suchen und sich mühsam durch die Quellen arbeiten. Wenn man dann fündig geworden ist und ein wichtiges Dokument in den Händen hält, müssen die jahrhunderte alten Handschriften auch erst einmal entziffert oder vom Lateinischen übersetzt werden. Man sitzt ehrfürchtig vor den Urkunden, die man häufig nur mit speziellen Handschuhen anfassen darf.Doch die Arbeit lohnt sich. Wolfgang Drösser hat Unterlagen zu Tage gefördert, die einen die Geschichte erleben lassen, etwa wenn aus Protokollen über die Hexenprozesse zitiert wird. Oder welche Bedeutung der Bau des Schlosses für die Stadt hatte. Ohne das Schloss wäre Brühl ein armes Provinzstädtchen geblieben”, glaubt Drösser. Wenn man so will, war es eine Investition in die Zukunft. Heute haben wir alle etwas davon. Das wird bei der teilweise harschen Kritik am Bau des Schlosses und seine Folgen für die damalige Bevölkerung vernachlässigt.”
 
Datenschutz erschwerte Recherche
 
Es gibt unendlich viel zu entdecken in Wolfgang Drössers Buch. Über die Bevölkerungsentwicklung, die Bedeutung der Braunkohle oder wie unterschiedlich der frühere Tag der deutschen Einheit (der 17. Juni) gefeiert wurde, wird genauso berichtet, wie über die Zustände in Brühl vor und während der beiden Weltkriege. Ich habe nichts weggelassen, nichts unterschlagen. Aber es fehlt dennoch einiges. Über die Vororte, über das Vereinsleben. Es gibt noch viel über Brühl zu berichten.” Erschwert wurden die Recherchen des Historikers durch viele Sperrfristen in den Archiven.
 
Aus Datenschutzgründen waren mir etliche Archivalien nicht zugänglich”, bedauert Wolfgang Drösser. Akten über Personen der Brühler Zeitgeschichte sind noch unter Verschluss. So bleibt es späteren Generationen vorbehalten, die Geschichte Brühls nach dem zweiten Weltkrieg bis zu unserer Gegenwart wissenschaftlich aufzuarbeiten und kritisch zu hinterfragen.
 
Das Buch ist fertig, die Arbeit jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Wolfgang Drösser gönnt sich eine kurze Auszeit, dann geht es daran, die gesammelten Unterlagen zu sortieren und gewissenhaft abzulegen. Schon jetzt füllen die Dokumente rund 30 Aktenordner, doch noch immer ist ein Berg von Sachen” übrig geblieben. Und schon bald wird sich Wolfgang Drösser in die nächste Recherche stürzen. Dann schreibt er an einer Chronik über Wesseling. Die Wesselinger sind etwas generöser, was dieses Projekt betrifft”, bemerkt der 64-Jährige. Dort wird das Buch auch finanziell unterstützt.”
 
Wolfgang Drössers Buch Brühl, Geschichte, Bilder, Fakten, Zusammenhänge” ist in der Buchhandlung Köhl zum Preis von 35,90 Euro oder beim Autor selbst erhältlich.
 
Tobias Gonscherowski