Jahrgang 2008
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Im Februar und März 1919 erschien die revolutionäre, zum Teil satirische Kölner Wochenschrift „Der Ventilator” in einer Doppelnummer und fünf weiteren Ausgaben, bevor sie von der britischen Besatzungsbehörde verboten wurde. Die „Unterhaltungsbeilage zur Tagespresse” – so der Untertitel – hatte einen Umfang von acht Seiten, erschien jeden Mittwoch und kostete 20 Pfennige. Das Doppelheft wurde von der in der Philippstraße 24 in Köln-Ehrenfeld ansässigen Buch-, Kunst- und Akzidenzdruckerei Carl Lutz hergestellt, die auch den Band „Consolamini” und die Zeitschrift „Der Strom” druckte. In allen übrigen Nummern firmierte die Druckerei Max Hertz im Mühlenbach 38, wo später auch alle Kölner Dada-Drucksachen entstanden.

Die meisten der literarischen Beiträge oder der politischen Artikel zur Nationalversammlung, zum Reichspräsidenten und zum Verfassungsentwurf der Weimarer Republik waren nicht mit Namen, sondern mit typographischen Zeichen oder Pseudonymen wie Antischmiz, Yohimbi oder Macchab versehen, um Repressalien der Zensur vorzubeugen. Für die beiden Illustrationen von Heinrich Hoerle auf den Titelblättern der 4. und 5. Nummer wurde Jean Kammacher als Deckname verwendet, wobei die Anspielung auf die Kammachergasse, ein bekanntes und berüchtigtes Vergnügungsviertel in Köln, damals sofort verstanden wurde.

 

Die Kunstfigur „Macchab”

„Der Ventilator” stand der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nahe, die 1917 in Opposition zur Kriegspolitik der SPD gegründet worden war. Mitglieder dieser Partei waren Josef Smeets, der auf den Titelblättern für die Schriftleitung und den Inhalt verantwortlich zeichnete, und Alfred Ferdinand Gruenwald. Er stammte aus reichem Elternhaus – sein Vater Heinrich Leopold Gruenwald war der Generaldirektor der Kölnischen Rückversicherungs-Gesellschaft – und legte sich deshalb während der Dada-Aktivitäten den Namen „Baargeld” zu. Max Ernst lernte ihn als Mitarbeiter an der Doppelnummer kennen. Die Kunstfigur „Macchab”, die hier mehrfach auftaucht, geht auf Max Ernst und den Maler und Zeichner Franz Henseler zurück. Beide hatten in spiritistischen Sitzungen vor dem Ersten Weltkrieg ein Medium mit diesem Namen befragt, das ihnen damals den Tod von August Macke vorausgesagt habe. In einem der Macchab-Texte wird eine „Versammlung der Gestütdirektoren Oststupidiens” erwähnt. Die Wortneuschöpfung wurde ein Jahr später mit „Weststupidien” als Bezeichnung für die Kölner Dada-Zentrale wieder aufgegriffen.

 

Beginn der vitalen Dada-Aktivitäten

In seinen biographischen Notizen erinnerte sich Max Ernst an die Begegnung mit Alfred F. Gruenwald als Beginn der vitalen Dada-Aktivitäten: „Als Max ihn trifft, sind beide dada-bereit, noch halbbetäubt vom Kriegsgeheul, und angeekelt von seinen Ursachen. Dabei ist Baargeld ein klarer Kopf mit eiskaltem Intellekt, ein feuriges Herz voll Neugier, Ungeduld und Lust am Leben. Solide Erziehung (Oxford), umfassendes Wissen. Empörung gegen das Bestehende, die Wurzel allen Übels, Begeisterung für das Erstehende, Urquell aller Freuden. Daher doppelte Aktion: politisch (obgleich er sich des Irrsinns solchen Unternehmens wohl bewußt ist) und poetisch, und zwar in der damals einzig möglichen Art, nämlich verzweifelte Lebensbejahung in Werk und Behaben.“