Jahrgang 2008
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„Wenn die Chemie stimmt, wird die Betreuung ein Selbstläufer“

Früher war die Rollen noch klar verteilt. Eine klassische Familie bestand aus Vater, Mutter und den Kindern. Der Vater ging zur Arbeit, die Mutter kümmerte sich daheim um die lieben Kleinen. Inzwischen hat sich das mehr und mehr gewandelt. Heute gehen häufig entweder beide Elternteile einem Beruf nach oder sie haben beide keinen Job, und auch die Zahl der alleinerziehenden Mütter steigt stetig an. In allen Varianten fällt den Eltern die Betreuung ihrer Kleinkinder zunehmend schwerer, zumal Krippen- und Kindergartenplätze oft Mangelware sind. Abhilfe können da Tagesmütter leisten. In Brühl erhielten kürzlich 20 Frauen ihr Zertifikat, das ihnen ganz offiziell bescheinigt, erfolgreich einen qualifizierten Lehrgang zur Tagesmutter absolviert zu haben. Der Brühler Bilderbogen hat sie besucht und mit ihnen und Birgit Ernst, der Leiterin des Familien- und Kinderbüros im Jugendamt der Stadt Brühl, gesprochen.

 

Wir sind im „Haus für Kinder“ in der Merseburger Straße in Vochem verabredet. An einer langen Kaffeetafel sitzen die Tagesmütter und diskutieren miteinander, während 19 Kinder durch den Raum wuseln. Sie rennen hin und her, robben auf dem Bauch über den Boden, sie spielen und klettern oder sitzen auf dem Schoß ihrer Tagesmutter. Es geht ihnen ganz offensichtlich gut. Einmal im Monat treffen sich die Tagesmütter hier mit ihren eigenen Kindern und ihren Tageskindern zum Erfahrungsaustausch. Außerdem organisieren sie dabei einen Vertretungsplan, für den Fall, dass eine Tagesmutter einmal nicht kann. Sie halten weiterhin Kontakt untereinander, auch wenn der gemeinsame Lehrgang schon ein Weilchen zurückliegt.

Das freut Birgit Ernst. Sie kennt alle Tagesmütter persönlich. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Denn sie ist seitens der Stadt Brühl die Ansprechpartnerin für die Tagesmütter. Sie vermittelt ihnen die Kinder, die sie betreuen dürfen. „Jede Tagesmutter darf drei bis fünf Kinder betreuen, wenn das Jugendamt dies befürwortet“, berichtet Birgit Ernst. „Das hängt vom Platz und den individuellen Voraussetzungen ab. Zwei Tagesmütter dürfen zusammen bis zu neun Kinder versorgen.“

Marion Salvador aus Brühl-Heide ist eine der Tagesmütter. Sie hat Kinderkrankenschwester gelernt und jahrelang im Schichtdienst gearbeitet. Doch die ungünstigen Arbeitszeiten ließen sich kaum noch mit den Bedürfnissen der Familie in Einklang bringen. Sie hat drei eigene Kinder und zusätzlich fünf weitere Kinder. Sie wird von ihrem Mann Dirk, einem gelernten Krankenpfleger, unterstützt, der momentan selbst beruflich umsattelt und den Lehrgang zum Tagesvater besucht. „Wir betreuen die Kinder im eigenen Einfamilienhaus mit Garten. Dort gibt es einen Kletterturm mit Schaukel sowie einen Sandkasten und eine Bobbycar-Rennstrecke“, wirbt die 36-Jährige in eigener Sache für ihre Kindertagespflege „Salvi’s Mäusenest“ in der Grubenstraße.

Tagesmutter Anne-Marie Hamberger hat bereits drei Töchter großgezogen. Vor zehn Jahren wurde sie arbeitslos und fand keinen neuen Job. Die heute 60-Jährige hat schon immer ein Händchen im Umgang mit Kindern gehabt und sich deshalb zur Tagesmutter ausbilden lassen. „Jetzt habe ich wieder Leben in der Bude“, freut sie sich. Ihren Erziehungsstil nennt sie „liebevoll, aber konsequent“. Beim Lehrgang lernte sie Doris Mose kennen, mit der sie nun seit wenigen Tagen die Kleinkindertagesbetreuung „Die wilde Milchzahnbande“ in Brühl-Ost in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Garten gegründet hat.

Welche Tagesmutter passt zur Familie?

Doch wie funktioniert das eigentlich? Wie lernen sich die Kinder und die Tagesmütter kennen? „Die Eltern rufen beim Jugendamt an und erkundigen sich nach Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren“, erklärt Birgit Ernst. „Ich führe dann mit den Eltern ein längeres Gespräch. Sie bekommen einen Fragebogen. Auch die Tagesmütter haben alle einen Betreuungsbogen ausgefüllt. Nach dem Gespräch und der Auswertung der Bögen überlege ich dann, welche Tagesmutter zu der Familie passt. Dann lade ich alle zu eine gemeinsamen Gespräch ein. Es ist ganz wichtig, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt. Dann wird die Betreuung meistens ein Selbstläufer.“ Nicht immer suchen Eltern nach Tagesmüttern, manchmal wird auch das Jugendamt aktiv. Nämlich dann, wenn es der Meinung ist, dass es zum Wohle eines Kindes besser wäre, wenn es für eine Weile aus dem Haus seiner „Problemfamilie“ kommt, die dadurch entlastet wird.

„Ich entwickle ein Bauchgefühl dafür, ob es zwischen Eltern, Kind und Tagesmutter passen könnte oder nicht“, sagt Birgit Ernst. „Mir ist es wichtig, dass ich ein ehrliches Feedback bekomme. Lieber sagt mir eine Tagesmutter viermal ab, als halbherzig zu.“ Als zweifache Mutter weiß die 46-Jährige genau, worauf es ankommt. Seit zwei Jahren arbeitet sie im Familien- und Kinderbüro des Jugendamtes, nachdem sie zuvor als Erzieherin in der KiTa Wilhelmstraße tätig war.

 

Der Kurs dauert 160 Stunden

Die Voraussetzungen, um eine anerkannte Tagesmutter werden zu können, sind klar geregelt. Drei Bildungsträger (die Volkshochschule, die Arbeiterwohlfahrt sowie das katholische Bildungswerk) bieten den Kurs an, der 160 Unterrichtsstunden umfasst und 295 Euro kostet. Alle Interessierten müssen sich vorher beim Jugendamt vorstellen. Sie müssen die räumlichen Voraussetzungen nachweisen können, ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis vorweisen sowie einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder absolviert haben. Im Gespräch versucht Birgit Ernst herauszufinden, ob die Bewerber offen und kommunikativ sind, auf Menschen zugehen können, eine positive Ausstrahlung besitzen und aus einem familiär unbelasteten Umfeld stammen. Wenn all das gewährleistet ist und der Kurs erfolgreich abgeschlossen wird, steht dem Einsatz als Tagesmutter nichts mehr im Wege.

Die finanziellen Komponenten sind durch das „Tagesbetreuungsausbaugesetz“ aus dem Jahre 2005 geregelt. Die Eltern überweisen gemäß ihres Einkommens und der Stundenzahl, die das Kind betreut werden soll, einen bestimmten Betrag an die Stadt, die wiederum einer Tagesmutter vier Euro pro Stunde pro Kind bezahlt. Für viele Tagesmütter ist die Tagespflege von Kindern somit eine willkommene Möglichkeit, das Familieneinkommen aufzubessern. Besonders dann, wenn sie selbst kleine Kinder haben und der Aufwand dann für ein oder zwei Kinder mehr nicht so groß ist. Sie betreuen die Kinder häufig fast täglich, nicht selten auch von 8 bis 18 Uhr. Andere wiederum, wie die Tagesmutter Monika Schulte, gehen noch einem Beruf nach. Sie hat eine 4-Tage-Woche und kann sich an einem Tag oder am Wochenende um ein Kind kümmern.

Aber ganz egal, ob eine Tagesmutter „nur“ ein Kind an einem Tag in der Woche betreuen kann, oder andere täglich auf bis zu neun Kinder aufpassen, Birgit Ernst ist für jede Unterstützung dankbar. Wer sich über die Betreuungsangebote informieren möchte, kann sich gerne an Birgit Ernst (Telefon 02232/ 794979) wenden.