Jahrgang 2013
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„Ich stehe Bürgerentscheiden sehr offen gegenüber“
Seit Februar 1991 ist Dieter Freytag Stadtkämmerer und Beigeordneter der Stadt Brühl und für das Dezernat II zuständig. Dieses umfasst den Fachbereich Finanzen (Kämmerei, Steuern, Kasse) sowie den Fachbereich Ordnung und Soziales (Ordnung, Bürgerberatung und Standesamt, Soziales, Verkehr). Zum zweiten Mal nach 2009 ist Dieter Freytag der Bürgermeisterkandidat der SPD. Am 26. Januar stellt er sich zur Wahl.

Dieter Freytag ist gebürtiger Brühler, 58 Jahre alt und Vater von sechs Kindern im Alter zwischen fünf und 32 Jahren. Der Diplom-Volkswirt ist passionierter Langläufer.
Im Sport wie in der Politik gilt sein Motto: „Ein langer Atem führt zum Erfolg!“ Der Brühler Bilderbogen bat den Kämmerer zum Gespräch.

BBB: Herr Freytag, das Jahr 2013 geht zu Ende. War es aus Ihrer Sicht als Kämmerer ein gutes Jahr für Brühl?
Dieter Freytag:
Wir sind zu Beginn des Jahres davon ausgegangen, dass wir ein Defizit von 10 Millionen Euro machen werden. Stand jetzt, Anfang Dezember, sieht es so aus, als würden wir es mit einem Defizit von zwei Millionen Euro abschließen. Finanziell war es also ein sehr positives Jahr.

BBB: Und darüber hinaus?
Freytag:
In der Verwaltung war in den letzten Jahren die Kommunikation etwas schwierig, es herrschte eine gewisse Stagnation. Der Personalrat sprach jüngst in der Personalversammlung von „Warteschleifen“. Wir haben aber auch einige gute Entscheidungen für Brühl getroffen. Ich denke da an das Projekt „Soziale Stadt Vochem“, an die fertig gestellten oder fast fertig gestellten Kindertagesstätten. Gut ist auch, dass die Vorbereitungen für die Neugestaltung des Balthasar-Neumann-Platzes weit voran geschritten sind und im kommenden April mit dem Bau begonnen werden soll. Allerdings erschließt sich mir nicht, warum beschlossen wurde, dort das gleiche rutschige Pflaster wie auf dem Steinweg zu verlegen. Das sollte noch einmal überprüft werden.

BBB: Hat der langjährige, von der CDU gestellte Bürgermeister Michael Kreuzberg aus Ihrer Sicht ein bestelltes Feld hinterlassen?
Freytag:
Es gibt noch viele offene Themen. Beispiel: die Zukunft des Belvedere-Parkplatzes. Hier wird die Jahrzehnte alte Idee, ein Hotel zu bauen, nach wie vor verfolgt. Ich halte nichts davon und bin der Meinung, dass wir kein Hotel samt Tiefgarage brauchen. Ein Investor ist nicht in Sicht und rechnen würde es sich auch nicht. Die Stadt Brühl ist in der komfortablen Lage, dass wir dort keinen Druck haben und nicht sofort handeln müssen. Ich finde, dass der Parkplatz bleiben sollte und könnte mir da höchstens eine Randbebauung vorstellen. Aus meiner Sicht würde nichts dagegen sprechen, einen Planungs- und Ideenwettbewerb zu veranstalten und dabei die Bürgerinnen und Bürger eng einzubeziehen.

BBB: Wie bewerten Sie die Situation des Brühler Einzelhandels und des Wirtschaftsstandorts Brühl?
Freytag:
Die Märkte der Wepag laufen nach wie vor erfolgreich. Auch die Uhlstraße hat etwas gewonnen, während auf der Kölnstraße mehr Leerstand herrscht. Aber das sind nur meine Beobachtungen. Ich denke, es wäre nach fast 20 Jahren wieder Zeit für ein Einzelhandelsgutachten für Brühl mit genauen Datenerhebungen zur Kaufkraftbindung, Umsätzen und anderen wichtigen Fakten. Dadurch hätten wir eine Grundlage für weitere Maßnahmen. Allgemein muss man feststellen, dass Internetanbieter wie Amazon oder Zalando zu Lasten des Inhaber-geführten Einzelhandels gehen. Leider sind einige Geschäfte aus Brühl verschwunden. Aber die Einflussmöglichkeiten seitens der Stadt sind begrenzt. Wir können Rahmenbedingungen wie seinerzeit die Schaffung einer Fußgängerzone verändern. Gut ist, dass sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, die dezentralen Standorte auf der grünen Wiese nicht zu stärken, sondern zu begrenzen oder sogar zurückzufahren. Was das Gewerbe angeht, sind wir in Brühl gut aufgestellt. Die Firmen haben sich erfolgreich behauptet und sind gut durch die Krise gekommen. Besonders beeindruckt war ich etwa von der neuen Hochtechnologie im Eisenwerk. Angebote für weitere Gewerbeflächen sind begrenzt, wir müssen die vorhandenen Flächen mobilisieren.

BBB: Vielen Brühler Einzelhändlern sind die vielen Baustellen in den letzten Jahren übel aufgestoßen, aktuell ganz besonders die inzwischen wieder aufgehobene Sperrung von Teilen der Uhlstraße unmittelbar vor dem Beginn des Weihnachtsgeschäfts. Wie sind solche krassen Planungsfehler zu vermeiden?
Freytag:
Eine Straßensperrung in der Weihnachtszeit ist natürlich kontraproduktiv. Ich werde versuchen, die Koordination zwischen den verschiedenen Bau- und Versorgungsträgern dahingehend zu verbessern, dass sich ein derartiges Missgeschick nicht wiederholt.

BBB: Kommen wir auf die bevorstehende Bürgermeisterwahl zu sprechen. Sie sind der Kandidat der SPD. Mit welchen Inhalten wollen Sie punkten?
Freytag:
Ich würde mich vor allem für einen ausgeglichenen Haushalt der Stadt Brühl einsetzen. Die Erträge im Haushalt der Stadt Brühl müssen ausreichen, um die Aufwendungen abzudecken. Da niemand Kürzungen bei den Ausgaben wünscht, werden wir nicht umhin kommen, unsere Einnahmen zu erhöhen. Ferner möchte ich die Bürgerbeteiligung und das Bürgerengagement stärken. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass städtische Projekte unbedingt zusammen mit den Brühlerinnen und Brühlern umgesetzt werden müssen. In ihrer frühzeitigen Beteiligung liegt eine gewaltige Chance. Außerdem werde ich mein Augenmerk stark auf den Brühler Wohnungsmarkt richten. Die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen ist immens gewachsen und wird weiter zunehmen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass Investoren nur noch Siedlungen mit Einfamilienhäusern bauen. Zusätzlich brauchen wir Mietwohnungen, hier müssen wir vor allem den sozialen Wohnungsbau reaktivieren. Und schließlich möchte ich, dass bei den vielen Baustellen endlich etwas geschieht und die Brühler Innenstadtentwicklung einen Schub bekommt.

BBB: Wie stehen Sie zum umstritten Projekts des Rathauses Steinweg? Plädieren Sie für einen Neubau oder eine Renovierung?
Freytag:
Erst einmal müssen wir die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung abwarten, ob sich eine Renovierung noch lohnt. Wenn wir die Ergebnisse vorliegen haben, können wir entscheiden. Ich bin sehr dafür, die Bürger mitentscheiden zu lassen, und habe keine Angst davor, mich ihrem Votum zu stellen.

BBB: Viele Brühler würden es begrüßen, wenn die frühere Rathausgalerie wieder für alle Brühler Bürger, Vereine und Institutionen zur Verfügung gestellt würde. Welche Pläne haben Sie?
Freytag:
Ich hätte nichts gegen eine Mehrfachnutzung, habe jetzt aber auch kein fertiges Konzept für die Nutzung. Ich habe mich schon mit Künstlern aus der Stadt über dieses Thema unterhalten, die die Galerie gerne nutzen würden, aber die Betriebskosten nicht erstatten können. Es ist aber nicht mein Stil, auf der einen Seite für einen ausgeglichenen Haushalt zu werben und dann andererseits die Ausgabenseite zu vernachlässigen. Wir haben im Haushalt sicherlich einige Spielräume, die müssen wir vernünftig einsetzen.

BBB: Schon beim letzten Wahlkampf machte in Brühl das Wort vom „Kuschelwahlkampf“ die Runde. Die beiden aussichtsreichen Kandidaten, Sie und Herr Kreuzberg, gingen so bemerkenswert fair miteinander um, dass einige das als langweilig empfanden. Was ist in diesem Wahlkampf zu erwarten?
Freytag:
Es gibt derzeit in Brühl nicht DAS kontroverse Thema. Insofern könnte es wieder einen Wahlkampf mit wenig Aufregung geben. Aber das ist ja nichts Schlechtes.

BBB: Warum sollen die Brühler Bürger Dieter Freytag zum Bürgermeister wählen?
Freytag:
Seit vielen Jahren arbeite ich erfolgreich in der Verwaltung der Stadt Brühl. Entsprechend groß sind Erfahrung und Kompetenz, die ich mitbringe. In meiner Amtsführung werde ich den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern intensiv pflegen, ich stehe dem Thema „Bürgerentscheid“ aufgeschlossen gegenüber. Das Amt des Bürgermeisters reizt mich ungemein. Ich freue mich auf den Wahlkampf und den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Selbst das „Klinkenputzen“ empfinde ich als angenehm, weil ich dabei unmittelbar mit den Anliegen der Brühlerinnen und Brühler konfrontiert werde. Diese Rückmeldung ist mir wichtig.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski