Jahrgang 2014
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„Wir wollen etwas wirklich Unheimliches auf die Bühne bringen“
Am Samstag, den 20. September, feiert das Kleine Theater Brühl (KTB) in der Galerie am Schloss die Premiere seines neuen Stücks. Zur Aufführung kommt „Roderick Wilson“, ein Nachtstück nach Motiven von Edgar Allan Poe in einer Bearbeitung des Ensembles. Weitere Aufführungen sind am Sonntag, 21. September um 19 Uhr sowie am darauffolgenden Wochenende (27. September um 20 Uhr, 28. September um 19 Uhr). Wir haben das Ensemble in ihren Proberäumlichkeiten in Brühl-Heide besucht.

Sie sind unverwüstlich, die Theaterfreunde des KTB. Seit 41 Jahren machen sie seit ihrer Gründung im Jahr 1973 Theater. Ihre bislang 41 Produktionen wurden vielfach ausgezeichnet. Die Erfolgsgeschichte geht auch in immer schwieriger werdenden Zeiten unverdrossen weiter. Denn einfach ist es nicht, sich in einer sich schnell verändernden Welt den Gegebenheiten anzupassen. In seinen Gründerjahren war alles noch anders. Im Fernsehen gab es drei Programme, Internet und Handys waren noch nicht absehbar, die Theaterlandschaft war höchst überschaubar und die kulturellen Angebote lang nicht so breit gefächert wie heute. Und die Galerie am Schloss wurde dem KTB noch großzügig umsonst überlassen. Es war schwer in jenen Tagen überhaupt an Karten für die Aufführungen zu kommen. Eine neues Stück wurde auch schon mal eine Woche lang täglich gespielt.
Die Umstände haben sich geändert, die Begeisterung des Ensembles ist geblieben. Begeisterung fürs Theaterspielen und Neugier auf spannende Projekte. Das KTB lässt sich in keine Schablone pressen, wie die Auswahl der Stücke immer wieder zeigt. Komödien werden gespielt, Tragödien, Klassiker, Kinderstücke, Musicals, alles ist dabei.
In diesem Jahr wird es nun besonders spannend. Und düster und unheimlich. Edgar Allan Poe steht auf dem Programm, der als Meister düsterer und schauriger Geschichten gilt. „Zwei Sachen haben mich bei dieser Produktion nach Motiven von Poe gereizt“, sagt der Regisseur Andreas Schlenger. „Zum einen haben wir bei dem Stück sehr viel mit Improvisation gearbeitet. Das war etwas Neues, was wir noch nicht gemacht haben. Es gab keinen fertigen Text, wir haben das Stück selbst in der Gruppe entwickelt. Und der zweite Punkt war, dass wir etwas wirkliches Unheimliches auf die Bühne bringen wollen. Es soll beklemmend sein und unter die Haut gehen.“
Andreas Schlenger konnte die KTBler von der Idee, Poe auf die Bühne zu bringen, überzeugen. Seit Februar setzten sich die Theaterfreunde mit dem Werk auseinander, Kurzgeschichten wurden gelesen, Filme angeschaut und daraus Ideen entwickelt, festgehalten, nach und nach geprobt und zu einem Stück verwoben. 

Poe zeigt Abgründe der Psyche
„Das für Poe typische beklemmend Unheimliche erschließt sich nicht so sehr in dem, was passiert, sondern darin, wie Ereignisse der äußeren Welt von den Protagonisten wahrgenommen und wiedergegeben werden. Dabei sind es in den meisten Fällen Ich-Erzähler, die dem Leser vermeintlich Einblick in ihr Seelenleben gestatten, tatsächlich aber bemüht sind, die Abgründe ihrer Psyche und die Grausamkeiten ihrer Handlungen entweder zu rechtfertigen oder ganz zu verheimlichen“, beschreibt Marco Reinhardt die Besonderheiten Poes, dessen Geschichten häufig offen bleiben und vielseitig zu deuten sind.
Nicht nur das Werk des großen amerikanischen Erzählers, Lyrikers, Literaturkritikers und Herausgebers verschiedener literarischer Magazine ist interessant, auch seine Biographie ist es. Poes Mutter war erst 23 Jahre alt, als sie an Tuberkulose starb, was den zweijährigen Edgar zum Waisenkind machte, das von dem wohlhabenden Kaufmann John Allan auf Drängen seiner Frau als Mündel aufgenommen und großgezogen wurde. Allan finanzierte seinem Stiefsohn die schulische Ausbildung zunächst in England, dann in Richmond (USA), wo sich die ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten des Jungen entfalten konnten. In späteren Jahren wurde das Verhältnis zwischen John und Edgar kühler, Edgar begann zu trinken und zu spielen, woraufhin ihn Allan finanziell kürzer hielt. Poe starb mit gerade einmal 40 Jahren kurz vor seiner dritten Hochzeit, nachdem seine ersten beiden Frauen früh gestorben waren. Zu Lebzeiten hatten viele von ihm in Aufsätzen kritisierte Zeitgenossen ihm den literarischen Erfolg gegönnt. Erst später wurde er als großer Schriftsteller der Literaturgeschichte anerkannt.
„Roderick Wilson“ folgt dabei nicht der Handlung einer oder mehrerer Kurzgeschichten des amerikanischen Erzählers, sondern hat sich bei der Entwicklung des Bühnengeschehens an für Poe typischen Figuren- und Handlungsmustern orientiert. Welches finstere Geheimnis hütet Roderick, der letzte männliche Nachkomme einer Familie, deren Stammbaum viele Generationen zurück reicht? Wer ist der seltsame Besucher, der eines Nachts wie aus dem Nichts in der Bibliothek des Familiensitzes auftaucht? Und welche Rolle spielen Doktor Templeton und Mrs. Bransby bei alledem? Das KTB verwebt Figuren und Motive aus den düstersten Geschichten des amerikanischen Meisters des Unheimlichen zu einem dichten Szenario morbider Rätselhaftigkeit und menschlicher Abgründe. Es spielen: David Farkas, Julia Koch, Otto Oetz, Angelika Vogts, Monika Wilk.

„Wir haben einen guten Mix”
Für Andreas Schlenger ist es die sechste Regiearbeit beim KTB und wieder eine neue Herausforderung. „Wir haben das Stück auf Grundlage der Darsteller entwickelt, die mitspielen wollten“, erzählt der Regisseur. Auch die Schauspieler machen bei dem Stück wieder ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Angelika Vogts etwa spielt ausgesprochen gerne und verspürt einen Drang zur Bühne. „Ich kriege beim Spielen selbst eine Gänsehaut“, verrät sie. „Dann weiß ich, dass es ankommen wird.“
Das Publikum schätzt das KTB seit Jahrzehnten für seine Vielseitigkeit. Jedes Jahr wechseln Regie, Ensemble und Genre. „Wir haben einen guten Mix“, findet Andreas Schlenger. Nicht nur die Zuschauer mögen die Stücke, auch die Kritik. Sechs Mal nahm das KTB an der Theaterkonferenz Rhein-Erft teil, drei Mal gewannen die Brühler dabei Preise, so für die Prodktionen „Lantana“ und „Wintermärchen“ sowie Ingo Rehling als bester Schauspieler. Das schmeichelt dem KTB natürlich, auch wenn sie die Bedeutung herunterspielen wollen. „Wir nehmen nicht wegen der Preise an Festivals teils“, versichert Andreas Schlenger. „Sondern wir gucken uns gerne an, was andere Gruppen machen. Bei den Festivals entstehen Freundschaften.“
Das neue Stück wird etwa 80 Minuten dauern und ohne Pause gespielt. Die Proben waren für alle Beteiligten „sauviel Arbeit“. Es wird diesmal auch wieder etwas mehr Ausstattung geben als beim letzten Stück. „Sie ist überschaubar im Aufbau, macht aber etwas her“, glaubt Marco Reinhardt. „Die richtige Beleuchtung in der Galerie am Schloss zu finden, wird langwieriger.“
Vier Aufführungen sind zunächst geplant, zwei Mal wird das Stück später auswärts gespielt. Karten zum Preis von 13 Euro/ ermäßigt 10 Euro gibt es u.a. im Naturkostladen, bei der Buchhandlung Eule und der Tanzschule Breuer. Tobias Gonscherowski